Neue Strategien, Trends und Mobilisierungsformen
Kernfakten
Verlagerung des Rechtsextremismus in digitalen Raum: Telegram, TikTok, alternative Plattformen
Integration von „Identitären“ und „Besorgten Bürgern“ als moderater wirkende Spielart
Verschwörungstheorien wie „BRD nur eine Firma“ verbreiten sich vor allem online
AfD zunehmend politische Heimat für Rechtsextreme und völkische Nationalisten
Mobilisierung verschiebt sich von Straßengewalt zu zivilgesellschaftlich getarnten Protestformen („Heimatschutz“)
4 Min. Lesezeit
In den letzten Jahren haben sich die Erscheinungsformen und Strategien des Rechtsextremismus in Deutschland gewandelt. Während die klassischen rechtsextremen Strukturen, wie Skinhead-Gruppen oder der Ku-Klux-Klan, immer noch existieren, hat sich die Szene weiter diversifiziert. Heute zeichnen sich mehrere prägnante Trends ab, die die Entwicklung und Ausrichtung der Bewegung in Deutschland maßgeblich beeinflussen.
Neue Formen des Rechtsextremismus
Einer der auffälligsten Trends ist die Verlagerung des Rechtsextremismus in den digitalen Raum. Über soziale Netzwerke und Foren haben sich neue Bewegungen und Gruppierungen formiert, die auf den ersten Blick unpolitisch oder sogar unauffällig wirken. Hierbei spielen vor allem Plattformen wie Telegram, TikTok und alternative Social-Media-Kanäle eine zentrale Rolle. Sie bieten nicht nur einen Raum für die Verbreitung extremistischer Ideen, sondern ermöglichen auch die Organisation von Protestaktionen und mobilisieren Anhänger, die sich einer traditionellen rechtsextremen Szene oft entfremdet fühlen.
Ein weiterer Trend ist die zunehmende Integration von „Identitären“ und sogenannten „Besorgten Bürgern“. In dieser Hinsicht hat sich ein Teil der Bewegung von einer eher aggressiv auftretenden Richtung zu einer vermeintlich moderaten, aber dennoch extremen Form entwickelt. Diese Gruppierungen zielen darauf ab, ihre Ansichten unter dem Deckmantel von Kultur- oder Identitätspolitik zu verbreiten. Insbesondere die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextreme Bestrebung eingestufte „Identitäre Bewegung“, die insbesondere durch ihren Frontmann Martin Sellner bekannt wurde, setzt verstärkt auf jugendlichere, vermeintlich unauffällige Formen der politischen Einflussnahme, die vor allem in den sozialen Medien präsent sind.
Wandel der Ideologie: Von traditionellem Nationalismus zu völkischen Ideen
Traditionelle rechtsextreme Gruppierungen in Deutschland, die sich in der Vergangenheit auf Nationalismus und Antikommunismus stützten, haben ihre Ideologien zunehmend mit völkischen und ethnonationalistischen Ideen vermischt. Ein Beispiel hierfür ist die Zunahme von Verschwörungstheorien, die in rechten Kreisen kursieren, wie etwa die Behauptung, dass die Bundesrepublik Deutschland nur eine „Firma“ sei oder dass Migranten die „deutsche Kultur“ bedrohen. Diese Theorien finden vor allem in den sozialen Netzwerken Verbreitung und unterstützen die Bildung von Netzwerken, die sich nicht mehr ausschließlich auf klassische rechtsextreme Parteien stützen.
Die Rückkehr zu einem völkischen Nationalismus ist auch in Form einer verstärkten Ablehnung von Einwanderung und einer massiven Verschärfung der Rhetorik gegenüber dem Islam und der muslimischen Bevölkerung erkennbar. Rechtsextreme Gruppen haben ihre Schwerpunkte auf „Kulturkriege“ gelegt, wobei der Kampf gegen den angeblichen „Kulturchauvinismus“ und die „Islamisierung des Westens“ zu ihren zentralen Themen gehört.
Die Rolle der AfD und des Rechtspopulismus
Die AfD wird von Verfassungsschutz und zahlreichen Beobachtern zunehmend als Anziehungspunkt für Rechtsextreme und völkische Nationalisten eingeordnet. Zwar gibt es in der Partei einen klaren Versuch, sich von offenen neonazistischen Gruppierungen abzugrenzen, innerhalb der Partei sind jedoch zudem Politiker und Mitglieder aktiv, denen Nähe zur rechtsextremen Szene nachgesagt wird oder die vom Verfassungsschutz einzeln beobachtet werden.
Das Phänomen des Rechtspopulismus hat die Grenzen zwischen traditionellen Rechtsextremen und konservativen bis extremen Gruppierungen verwischt. Die AfD und ähnliche Parteien setzen zunehmend auf populistische, anti-elitäre Rhetorik, die in Teilen der Gesellschaft auf Frustration und Ängste reagiert. Themen wie Migration, die EU und nationale Identität bilden nach wie vor die politischen Schwerpunkte dieser Gruppierungen, die gleichzeitig eine Anziehungskraft auf Anhänger der rechten Szene ausüben.
Veränderung der Mobilisierungsformen
Ein weiterer wichtiger Trend ist die veränderte Form der Mobilisierung. Während in der Vergangenheit rechtsextreme Bewegungen vor allem durch Straßenschlachten und gewaltsame Auseinandersetzungen Aufmerksamkeit erregten, setzen heutige Gruppierungen zunehmend auf zivilgesellschaftliche Protestaktionen, die sich mit vermeintlich „harmloseren“ Themen wie Heimatschutz befassen. Diese Themen bieten einen leichteren Zugang zu breiteren Teilen der Gesellschaft, die in ihrer Wahrnehmung einer „Bedrohung“ für ihre Lebensweise mobilisiert werden.
Ein wichtiger Aspekt in der Weiterentwicklung der Bewegung ist auch die verstärkte Vernetzung der deutschen rechtsextremen Szene mit ähnlichen Gruppierungen in Europa und darüber hinaus. Die Internationale Zusammenarbeit bei Protesten und Demonstrationen zeigt, dass sich die europäische Rechte zunehmend als eine gemeinsame Bewegung versteht, die nicht nur nationale, sondern auch europäische Identitätskonflikte thematisiert.
Rechtsextremismus als „Trend“ unter jungen Menschen
Ein besonders besorgniserregender Trend ist die zunehmende Attraktivität rechtsextremer Ideen bei jungen Menschen. Die Identitäre Bewegung und ähnliche Gruppierungen setzen gezielt auf junge Anhänger, die oft noch auf der Suche nach einer eigenen politischen Identität sind. Dies führt dazu, dass die Rechtsextremisten versuchen, ihre Ideologien in die Kultur von Jugendlichen einzuflechten, sei es durch Musik, Mode oder Online-Communities.
Fazit
Der Rechtsextremismus in Deutschland zeigt derzeit eine klare Wandlung: Er ist weniger sichtbar auf den Straßen, dafür umso präsenter in den digitalen Medien und zunehmend integriert in populistische Bewegungen. Die Ideologie hat sich weiter radikalisiert, die Ziele sind aber oft getarnt oder verschleiert, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Es ist entscheidend, dass sich die Gesellschaft und die politischen Institutionen dieser neuen Form des Rechtsextremismus bewusst werden und geeignete Maßnahmen ergreifen, um ihm entgegenzuwirken.
1 Quelle
- verfassungsschutz.de/DE/verfassungssc…sb-rechtsextremismus_node.html
Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft mehrere AfD-Landesverbände sowie die Identitäre Bewegung als gesichert rechtsextreme Bestrebungen ein.
Autor: MAnFred
Veröffentlicht am 4. August 2026
