Das Märchen von der intoleranten Toleranz
Kernfakten
Begriff stammt vom Philosophen Karl Popper, formuliert 1945
Kernaussage: uneingeschränkte Toleranz gegenüber Intoleranten zerstört die tolerante Gesellschaft selbst
Popper: Toleranz endet dort, wo Menschenverachtung oder Gewaltaufrufe propagiert werden
Rechte Akteure verdrehen das Prinzip, stellen menschenfeindliche Positionen als „abweichende Meinung“ dar
Ablehnung von Rassismus/Neonazismus ist demnach kein Akt der Intoleranz, sondern Verteidigung der Demokratie
2 Min. Lesezeit
Wenn Rechte über Linke sprechen, fällt ein Vorwurf erstaunlich häufig: die angeblich fehlende Toleranz. Da würden die selbsternannten Verfechter von Vielfalt und Freiheit plötzlich intolerant, sobald jemand eine „andere Meinung“ äußere – etwa, dass Geflüchtete weniger wert seien, Frauen sich unterordnen sollten oder Homosexualität eine Krankheit sei. Ein hübscher rhetorischer Kunstgriff, der seit Jahren in rechtspopulistischen und rechtsextremen Milieus kursiert. Nur: Sie beruht auf einem Missverständnis, das kein Zufall ist.
Von Popper und dem gesunden Menschenverstand
Der Begriff des Toleranzparadoxons stammt von dem Philosophen Karl Popper. Er beschrieb 1945, dass eine tolerante Gesellschaft sich selbst zerstört, wenn sie auch den Intoleranten uneingeschränkte Toleranz gewährt. In einfachen Worten: Wer Feinde der Freiheit duldet, sägt an dem Ast, auf dem er selbst sitzt. Popper meinte damit nicht, dass man jede unliebsame Meinung unterdrücken soll. Sondern dass dort, wo Menschenverachtung, Gewaltaufrufe oder die Abschaffung demokratischer Grundrechte propagiert werden, Toleranz endet – weil sie sonst ihre eigene Grundlage verliert.
Der rhetorische Trick der Rechten
Rechte Akteure verdrehen dieses Prinzip geschickt. Sie stellen menschenfeindliche Ideologien als „abweichende Meinung“ dar und pochen auf Meinungsfreiheit, wenn sie Widerspruch ernten. So wird aus dem demokratischen Diskurs ein Opfermythos: Die angeblich „unterdrückte Meinung“ des kleinen Mannes gegen die angebliche Meinungsdiktatur der Linken. Das ist nicht neu – die Neue Rechte benutzt diese Strategie seit Jahren, um Akzeptanz in der Mitte der Gesellschaft zu gewinnen. Indem sie die Grenzen des Sagbaren verschiebt, werden radikale Positionen salonfähig, während die Verteidigung demokratischer Werte als „Gesinnungsterror“ gebrandmarkt wird.
Toleranz heißt nicht Gleichgültigkeit
Eine offene Gesellschaft muss Widerspruch aushalten – ja. Aber sie darf nicht verwechseln: Toleranz bedeutet Respekt vor der Würde anderer, nicht Gleichgültigkeit gegenüber Menschenverachtung. Wenn jemand fordert, andere Gruppen zu entrechten oder ihnen die Existenz abzusprechen, ist das kein „anderer Standpunkt“, sondern ein Angriff auf die Grundrechte. Demokratische Toleranz heißt also, Intoleranz Grenzen zu setzen. Nicht, weil man den Gegner nicht aushält, sondern weil man das Fundament schützen will, auf dem alle überhaupt erst aushalten können.
Die eigentliche Ironie
Am Ende ist es also nicht die Linke, die intolerant ist, wenn sie Neonazis, Rassismus oder Misogynie ablehnt. Es ist vielmehr ein Akt der Verteidigung des demokratischen Prinzips, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Wer das für „Intoleranz“ hält, verrät, worauf er hinauswill: nicht mehr Freiheit, sondern weniger Menschlichkeit. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Ironie dieses Paradoxons – dass ausgerechnet jene, die den Begriff der Toleranz am lautesten missbrauchen, ihn am wenigsten verstanden haben.
2 Quellen
- de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon
Der Wikipedia-Artikel zum Toleranz-Paradoxon erklärt, dass eine offene, tolerante Gesellschaft paradoxerweise ihre eigene Toleranz gefährdet, wenn sie auch Intoleranz uneingeschränkt zulässt — denn so könnten intolerante Kräfte die Freiheit, die sie nutzen, um intolerant zu sein, untergraben.
- philomag.de/artikel/karl-popper-und-die-afd
Der Artikel „Karl Popper und die AfD“ argumentiert, dass die AfD mit menschenverachtenden und antidemokratischen Positionen das sein könnte, was Karl Poppers „Paradox der Toleranz“ beschreibt: Eine Demokratie muss Intoleranz nicht dulden, sonst zerstört sie sich selbst.
Autor: MAnFred
Veröffentlicht am 4. August 2026
