Das verschobene Fenster des Sagbaren
Kernfakten
Theorie von Joseph P. Overton: beschreibt Rahmen des gesellschaftlich Sagbaren
Verschiebung erfolgt durch ständige Wiederholung und bewusste Tabubrüche, nicht durch plötzlichen Umbruch
AfD nutzt Begriffe wie „Remigration“ gezielt zur Normalisierung ursprünglich radikaler Positionen
Corona-Pandemie als Einfallstor: Begriffe wie „Diktatur“ wurden massenhaft verwendet und relativierten historische Verbrechen
Ergebnis: Verrohung des Diskurses, Ausgrenzung wird zunehmend salonfähig
3 Min. Lesezeit
Das sogenannte Overton Window, benannt nach dem Entwickler der Theorie, Joseph P. Overton, ist eine politikwissenschaftliche Theorie, die erklärt, welche Meinungen in einer Gesellschaft als akzeptabel gelten – und welche nicht. Es beschreibt also das „Fenster des Sagbaren“. Innerhalb dieses Rahmens bewegen sich die Positionen, die Politikerinnen, Journalisten und Bürger öffentlich vertreten können, ohne sich sofort ins gesellschaftliche Abseits zu stellen. Am Rand stehen die Provokateure, die Dinge formulieren, die gestern noch undenkbar waren, heute aber plötzlich debattiert werden. Verschiebt sich dieses Fenster, verschieben sich auch die Grenzen des politisch Möglichen.
Wie Verschiebungen entstehen
Eine Verschiebung funktioniert in der Regel nicht durch plötzliche Revolution, sondern durch ständige Wiederholung und bewusste Grenzüberschreitungen. Was heute als „Tabubruch“ gilt, kann morgen bereits „kontrovers“ und übermorgen „mehrheitsfähig“ erscheinen. Rechtspopulistische Bewegungen in vielen europäischen Ländern nutzen dieses Prinzip seit Jahren sehr geschickt. Indem sie bewusst extrem klingende Forderungen platzieren, bereiten sie den Boden dafür, dass weniger extreme, aber immer noch problematische Positionen als gemäßigt erscheinen.
Die Rolle der AfD
In Deutschland zeigt die AfD seit geraumer Zeit, wie man dieses Fenster strategisch verschiebt. Ausgrenzende Begriffe wie „Remigration“, die faktisch die Vertreibung von Millionen Menschen meinen, werden mit stoischer Ruhe wiederholt, bis sie nicht mehr wie ein Tabubruch klingen, sondern wie eine Option in der politischen Debatte. Aussagen, die vor zehn Jahren unweigerlich zum Rücktritt geführt hätten, schaffen es heute in Talkshows, werden von seriösen Journalisten nachgefragt und von politischen Konkurrenten widerlegt – aber eben auch auf Augenhöhe diskutiert. Allein diese Diskussion verleiht den Begriffen schon ein Stück Normalität.
Corona-Maßnahmen als Einfallstor
Ein weiteres Beispiel für die Verschiebung des Sagbaren zeigte sich während der Corona-Pandemie. Was zunächst als Protest gegen Kontaktbeschränkungen und Impfpflicht begann, wurde rasch von rechten Akteuren vereinnahmt. Parolen, die sonst nur auf einschlägigen Demonstrationen zu hören waren, fanden plötzlich Anklang in der Mitte der Gesellschaft. Begriffe wie „Diktatur“ oder „Ermächtigungsgesetz“ – vorher unvorstellbar im Zusammenhang mit demokratisch beschlossenen Schutzmaßnahmen – wurden massenhaft verwendet und relativierten damit historische Verbrechen. Auf diese Weise gelang es der extremen Rechten, ihre Rhetorik über Umwege in Wohnzimmer und Stammtische zu tragen. Das Overton Window verschob sich, ohne dass es vielen überhaupt auffiel: Aus Radikalität wurde vermeintliche Alltagskritik.
Verstärker im Medienkosmos
Parallel dazu arbeitet ein Netz rechter Medien daran, die eigenen Narrative permanent in die Öffentlichkeit zu drücken. Auch wenn ihre Reichweite nicht an große Verlage heranreicht, gelingt es ihnen, die Debatten zu kontaminieren: Begriffe, die auf Telegram-Kanälen kursieren, tauchen bald in Interviews oder Kommentarspalten auf. Selbst wenn seriöse Medien die Aussagen kritisch einordnen, haben sie doch den ersten Schritt getan – die Begriffe sind ausgesprochen, sie sind da. Kritische Distanz schützt nicht vor Wirkung.
Gesellschaftliche Folgen
Das Ergebnis dieser steten Verschiebung ist eine Verrohung des Diskurses. Ausgrenzung, Abwertung und autoritäre Sehnsucht werden salonfähig. Und wer sich gegen diese Verschiebung wehrt, läuft Gefahr, als „überempfindlich“ oder „links-ideologisch“ abgetan zu werden. Genau das ist Teil der Strategie: Die Gegner sollen sich rechtfertigen müssen, während die Provokateure weiterschieben können.
Warum das nicht harmlos ist
Wer meint, es gehe hier nur um Worte, unterschätzt die Dynamik. Sprache prägt, was wir für möglich halten. Wenn das Overton Window weiter nach rechts rückt, werden Maßnahmen denkbar, die heute noch klar gegen Grundrechte verstoßen würden. Aus Diskursverschiebung wird irgendwann Realität. Und dann bleibt nur noch die bittere Erkenntnis: Das Fenster stand längst offen – und wir haben es zu lange für Zugluft gehalten.
3 Quellen
- dergoldenealuhut.de/overton-fenster
Der Artikel auf Der goldene Aluhut erklärt, dass das Overton-Fenster jene Grenzen des Sagbaren bezeichnet, die in einer Gesellschaft politisch und medial akzeptiert sind, und geht besonders darauf ein, wie rechte Akteure bewusst diese Grenzen verschieben, um ehemals undenkbare, menschenfeindliche Inhalte in den Diskurs zu bringen.
- conceptually.org/concepts/overton-window
Auf Conceptually wird das Overton Window definiert als der Rahmen politischer Ideen, die in einer Gesellschaft als akzeptabel gelten – also jene Positionen, über die öffentlich diskutiert werden kann, ohne dass sie als radikal gelten. Es beschreibt, wie sich im Laufe der Zeit Grenzen des Sagbaren verschieben lassen, z. B. durch Aktivismus, Medien und neue Denkanstöße.
Britannica: Overton window
britannica.com/topic/Overton-windowEncyclopaedia Britannica, Eintrag zum Overton-Fenster
Autor: MAnFred
Veröffentlicht am 4. August 2026
