Zum Inhalt springen
MAnFred

Was bedeutet Täter-Opfer-Umkehr?

Kernfakten

  • Täter-Opfer-Umkehr: rhetorische Vertauschung von Täter- und Opferrollen zur Schuldumleitung

  • Typisches Beispiel: „Die Linken sind die eigentlichen Faschisten“ – historisch nicht haltbar

  • AfD suggeriert Zensur/Unterdrückung konservativer Stimmen, während marginalisierte Gruppen real benachteiligt sind

  • Historisches Vorbild: ehemalige Nationalsozialisten inszenierten sich nach 1945 als Opfer der „Entnazifizierung“

  • Aktuelle Form u.a. in Aussagen wie „Hitler war links“ (geschichtsrevisionistisch)

2 Min. Lesezeit

Die sogenannte Täter-Opfer-Umkehr ist eine rhetorische und ideologische Strategie, bei der die Rollen von Täter und Opfer vertauscht werden. Ziel ist es, Schuld umzuleiten, Empathie für die eigentlichen Täter:innen zu erzeugen oder berechtigte Kritik zu delegitimieren. In gesellschaftspolitischen Debatten in Deutschland wird diese Strategie besonders häufig von rechtspopulistischen und rechtsextremen Akteur:innen eingesetzt, um etwa Diskriminierung zu relativieren oder sich selbst als unterdrückte Minderheit darzustellen. Aussagen wie „Die Linken sind die eigentlichen Faschisten“ oder „Heutzutage darf man ja gar nichts mehr sagen“ sind typische Beispiele.

Die Aussage, Linke seien die „eigentlichen Faschisten“, gehört zu den bekanntesten und zugleich irreführendsten Formen dieser Umkehr. Sie stützt sich auf eine bewusste Verdrehung historischer Fakten und eine Gleichsetzung von autoritärem Auftreten mit faschistischen Ideologien. Während Faschismus historisch klar mit ultranationalistischer, rassistischer und antidemokratischer Politik verknüpft ist – wie sie etwa im italienischen Faschismus Mussolinis oder im Nationalsozialismus Hitlers zum Ausdruck kam – vertreten linke Bewegungen in ihrer demokratischen Ausprägung in der Regel internationalistische, gleichheitsorientierte und antifaschistische Positionen. Linke Ideologien sind also strukturell und inhaltlich nicht mit faschistischen Ideologien vergleichbar, auch wenn es innerhalb des linken Spektrums autoritäre Strömungen geben kann. Die Gleichsetzung dient vielmehr der Relativierung rechter Ideologie und der Diffamierung politischer Gegner:innen.

Täter-Opfer-Umkehr als politische Waffe

Die AfD und ähnliche Gruppen nutzen Täter-Opfer-Umkehr systematisch. In öffentlichen Reden oder sozialen Netzwerken wird suggeriert, dass konservative oder rechte Stimmen „zensiert“ oder „unterdrückt“ würden – während in Wahrheit marginalisierte Gruppen wie Geflüchtete, queere Menschen oder People of Color weiterhin realen strukturellen Nachteilen ausgesetzt sind. Die rhetorische Umkehr schafft so ein scheinbares Ungleichgewicht, bei dem Kritik an rassistischen oder sexistischen Aussagen als Angriff auf die Meinungsfreiheit dargestellt wird. Dabei geht es nicht um eine echte Einschränkung von Rechten, sondern um eine Immunisierung gegen Kritik.

Historische Dimension

Historisch wurde Täter-Opfer-Umkehr unter anderem in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit deutlich. Bereits in der frühen Nachkriegszeit versuchten ehemalige Nationalsozialisten, sich als Opfer der „Entnazifizierung“ zu inszenieren. Auch in der DDR wurde antifaschistische Rhetorik teilweise genutzt, um politische Gegner:innen zu delegitimieren. Heute findet diese Umkehr oft Eingang in verschwörungsideologische oder geschichtsrevisionistische Diskurse, etwa durch Aussagen wie „Hitler war links“, die die Verantwortung für Faschismus umdeuten wollen.

Herausforderungen und Gefahren

Die Täter-Opfer-Umkehr ist nicht nur eine gefährliche Form der Realitätsverzerrung, sie erschwert auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit tatsächlichen Machtverhältnissen und Diskriminierungserfahrungen. Sie bietet eine bequeme Ausflucht für Menschen, die sich nicht mit den Folgen ihres Handelns oder ihrer Haltung beschäftigen wollen – und verschiebt den gesellschaftlichen Fokus weg von den real Betroffenen hin zu denen, die Kritik als persönliche Bedrohung empfinden. Diese Umdeutung verhindert Aufarbeitung, Wiedergutmachung und Solidarität.

Fazit

Täter-Opfer-Umkehr ist ein Werkzeug der Desinformation und Polarisierung. Sie verharmlost reale Gewalt, diskreditiert Betroffene und stellt Täter:innen als Opfer dar. Besonders in einem gesellschaftlichen Klima, in dem rechte Kräfte zunehmend an Einfluss gewinnen, ist es wichtig, diese Strategie zu erkennen, zu benennen – und ihr argumentativ zu begegnen.

2 Quellen

  1. amadeu-antonio-stiftung.de/modsupport/opferinszenierung

    Die Amadeu Antonio Stiftung erklärt, dass rechtsextreme Akteure sich häufig als Opfer von Zensur und Meinungsunterdrückung inszenieren, um ihre diskriminierenden Aussagen zu legitimieren und Kritik daran zu delegitimieren.

  2. hateaid.org/taeter-opfer-umkehr

    ​Die HateAid-Stiftung erklärt, dass Täter-Opfer-Umkehr, auch als „victim blaming“ bekannt, eine gefährliche Strategie ist, bei der die Verantwortung für Straftaten von den Täter:innen auf die Betroffenen abgewälzt wird, was die Aufklärung von Verbrechen erschwert und die Opfer weiter belastet.

Autor: MAnFred

Veröffentlicht am 4. August 2026

TeilenWhatsAppFacebookXE-Mail