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MAnFred

Wie rechte Propaganda psychologische Forschung uminterpretiert – am Beispiel der „moralischen Kreise“

Kernfakten

  • Studie 2019 in Nature Communications (Waytz, Iyer, Young, Haidt, Graham) zu „moralischen Kreisen“

  • Ergebnis: Konservative fokussieren moralische Fürsorge enger (Familie, Nation), Liberale weiten sie aus (andere Länder, Tiere, Natur)

  • Erweiterte Kreise schließen engere mit ein, sind keine Alternative dazu

  • Rechte Online-Kanäle verzerren Studie in Memes: „Linke lieben Tiere, kümmern sich nicht um Familie“ – Fehlinterpretation

  • Studie basiert auf Selbstauskunft, nicht auf Verhaltensmessung; macht keine normative Wertung

2 Min. Lesezeit

In einer viel beachteten Studie aus dem Jahr 2019, veröffentlicht in Nature Communications, untersuchten Psychologinnen und Psychologen, wie sich liberale und konservative Menschen hinsichtlich ihrer moralischen Fürsorge unterscheiden. Dabei zeigte sich ein bemerkenswerter Unterschied: Während Konservative ihre moralische Zuwendung stärker auf den engeren sozialen Kreis – etwa Familie, Freunde und Nation – konzentrieren, neigen Liberale dazu, moralische Verantwortung auf deutlich weitere Kreise auszuweiten, etwa auf Menschen anderer Länder, Tiere oder sogar die Natur insgesamt.

Visualisiert wurde dies mithilfe sogenannter „moralischer Kreise“, die von der innersten Kategorie (z. B. Familie) bis zur äußersten (z. B. alle Dinge, die existieren) reichen. Eine Heatmap der Studie (Abb. 5) zeigt klar: Liberale verteilen ihre moralische Fürsorge breiter und in größerem Umfang. Wichtig ist dabei: Wer moralische Verantwortung für einen größeren Kreis empfindet, schließt die kleineren Kreise mit ein. Das bedeutet nicht, dass linke Menschen sich nicht um ihre Familie kümmern – sondern dass sie zusätzlich auch Fürsorge für weitere Gruppen empfinden.

Screenshot eines Beitrags von Jack Posobiec auf X: „Very important chart to learn – Liberals care more about people / things further away from them than people closer.“ Darunter Abbildung 5 der Studie mit zwei Heatmaps über konzentrischen moralischen Kreisen, links „Conservatives“, rechts „Liberals“.

Verdrehung durch gezielte Fehldeutung

In rechten Online-Kanälen kursieren dennoch immer wieder vereinfachte und irreführende Darstellungen dieser Studie. Oft in Meme-Form, werden Liberale verspottet mit Aussagen wie: „Linke lieben Tiere und Bäume, aber kümmern sich nicht um ihre eigene Familie.“ Solche Behauptungen beruhen auf einer Fehlinterpretation, ob absichtlich oder nicht: Sie stellen die erweiterten moralischen Kreise als Alternative zur Fürsorge für nahe Personen dar – obwohl sie in Wirklichkeit eine Erweiterung darstellen.

Diese Form der Propaganda folgt einem typischen Muster: Statt sich mit der Methodik oder möglichen Schwächen der Studie ernsthaft auseinanderzusetzen – etwa der Tatsache, dass es sich um eine Selbstauskunft und nicht um eine Verhaltensstudie handelt – wird der Inhalt gezielt verzerrt. So wird ein Forschungsergebnis, das eigentlich tiefere psychologische Unterschiede zwischen politischen Weltbildern aufzeigt, als Witz oder Angriff auf die Gegenseite verwendet.

Wissenschaft als Zielscheibe

Solche Strategien untergraben nicht nur die wissenschaftliche Integrität, sondern auch den öffentlichen Diskurs. Denn durch oberflächliche und emotional aufgeladene Fehlinterpretationen wird die komplexe Realität politischer und moralischer Überzeugungen verzerrt. Die Studie selbst macht keinen normativen Vorschlag, welche moralische Orientierung „besser“ sei – sie beschreibt lediglich Unterschiede. Doch rechte Propaganda verwandelt diesen beschreibenden Befund in eine Waffe, um das eigene Weltbild zu bestätigen und Andersdenkende zu diskreditieren.

Fazit

Wer sich über politische Ideologien oder gesellschaftliche Spaltungen informieren möchte, sollte daher besonders wachsam sein gegenüber scheinbar einfachen Erklärungen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind selten schwarz-weiß – und gerade deshalb anfällig für bewusste Verdrehungen. Die moralischen Kreise sind kein Grund zur Belustigung, sondern ein spannender Einblick in die Tiefe unserer moralischen Psychologie. Wer sie versteht, erkennt auch, wie leicht gute Forschung missbraucht werden kann.

2 Quellen

  1. nature.com/articles/s41467-019-12227-0

    Die Studie von Waytz, Iyer, Young, Haidt und Graham, veröffentlicht 2019 in Nature Communications, zeigt, dass Liberale moralische Fürsorge auf breitere Gruppen ausweiten, während Konservative sich stärker auf den engen sozialen Kreis konzentrieren.

  2. x.com/JackPosobiec/status/1832771375896871255

    Der Post auf dem sozialen Netzwerk „X“.

Autor: MAnFred

Veröffentlicht am 4. August 2026

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